VG Reischach will raus aus dem Schulverbund Alt-Neuötting

Kooperationsvereinbarung frühzeitig gekündigt – Schulhaus Reischach droht 2015/16 leer zu stehen

von Manfred Buchberger



Ungewisse Zukunft: Das Schulhaus in Reischach. − F.: mbu

Reischach. Paukenschlag bei der Gemeinschaftssitzung der VG Reischach: Einstimmig haben sich die Räte aus den drei Gemeinden Reischach, Erlbach und Perach am Dienstag in Gegenwart von rund 20 Zuhörern für eine Kündigung des Kooperationsvertrages mit dem Schulverbund Alt-Neuötting und Umgebung ausgesprochen.

Die Kündigung der am 1. März 2011 in Kraft getretenen Kooperation soll bereits zum Ende des laufenden Schuljahres 2014/15 wirksam werden. Damit verletzen die Räte eine vertraglich vereinbarte Fristsetzung, wonach sie die Kooperation eigentlich erst zum Ende des Schuljahres 2016/17 unter Einhaltung einer Jahresfrist aufkündigen dürften.

"Wir waren eigentlich nur Befehlsempfänger"Im Verlauf der Diskussion hieß es, man sehe im Verhalten der Schulverbunds-Verantwortlichen in den vergangenen Jahren eine Verletzung von "Sinn und Geist der Kooperationsvereinbarung", vor allem von deren Paragraf 2, wo von "vertrauensvoller Zusammenarbeit" und "regelmäßigem Informationsaustausch" die Rede ist. Perachs Bürgermeister Georg Eder: "Wir waren eigentlich nur Befehlsempfänger." Mit der Kündigung wurde dem Umstand Rechnung getragen, dass Reischach zwar eine große Anzahl von Mittelschülern nach Alt-Neuötting entsendet, im Gegenzug bei der Klassenbildung seitens der beiden Städte im Stich gelassen werde. Jetzt droht sogar die komplette Schließung des Schulhauses Reischach, weil zum neuen Schuljahr womöglich nicht einmal mehr eine Klasse gebildet werden kann.

Bei den Beratungen wurde angedeutet, dass man für die Zukunft eine Kooperation mit dem Mittelschulverbund Pleiskirchen-Töging-Winhöring anstreben könnte.

Zeigte sich die VG im Beschluss, die Kooperation mit dem Schulverbund aufzukündigen einig, so deuteten sich im Verlauf der Diskussion durchaus auch Spannungen und Risse zwischen den drei Mitgliedsgemeinden an: Die Bürgermeister und Räte warfen einander unter anderem vor, es seien Gesprächsangebote nicht angenommen oder Beratungen ohne Einbeziehung einer der Gemeinden geführt worden. Perachs Rathauschef Georg Eder meinte gar, zuletzt sei in der VG eher "Gemeinde-mäßig gedacht worden", nicht mehr im Sinne der Gemeinschaft.

Differenzen zeigten sich dann auch bei einem weiteren Beschluss zum Thema "Schulen": Eltern und Schüler der 8. Klasse der Mittelschule hatten beantragt, 2015/16 eine Grundschulklasse am Reisch-acher Schulhaus zu unterrichten. Hintergrund: Damit die Schule in Reischach überhaupt weiter bestehen kann, müssen dort mindestens zwei Klassen unterrichtet werden. Damit aber wären wiederum die Grundschul-Standorte Erlbach und Perach berührt – und so wurde der Antrag mit 6:4 Stimmen abgelehnt. Die Erlbacher und Peracher Räte überstimmten hier jene aus Reischach.

Mit dem gleichen Stimmenverhältnis angenommen wurde dann ein Antrag, alles zu unternehmen, in Reischach eine 5. Mittelschulklasse zu halten. Zu diesem Zweck soll auch versucht werden, über Gastschul-Anträge Schüler aus angrenzenden anderen Gemeindegebieten, etwa Winhöring oder Pleiskirchen, für einen Schulbesuch in Reischach zu gewinnen.

Eine Entscheidung zum Mietvertrag für das Schulgebäude Reischach wurde vertagt, weil einige Fragen unklar erschienen: Seit 26 Jahren hat die VG das Gebäude in Reischach angemietet, nun wurde erwogen, den Vertrag angesichts der Umbrüche in der Schullandschaft zumindest abzuändern. Vorher muss jedoch unter anderem abgeklärt werden, inwieweit der Sportunterricht für die Grundschüler aus Perach und Erlbach dadurch betroffen ist.

Die Position des Schulamts:Der Anzeiger hat Schulrat Harald Kronthaler, den Leiter des Schulamts Altötting, zur Entwicklung in Reischach gefragt. Der Schulrat über:

Die Kündigung des Kooperationsvertrages mit dem Schulverbund durch die VG: Dies sei "grundsätzlich eine Entscheidung des Sachaufwandsträgers." Er nannte die Entscheidung "schade, denn der Verbund hat gut gearbeitet." Ob die frühzeitige Kündigung rechtlich in Ordnung sei, lasse er durch die Rechtsabteilung der Regierung von Oberbayern prüfen.

Die Frage, ob Schulamt und Landratsamt die Reischacher Anliegen ausreichend berücksichtigt hätten: Ja. Er selbst als Leiter des Schulamts sei mehrfach bei Schulverbunds-Sitzungen gewesen, ebenso die Schulverbunds-Koordinatorin Thekla Möslinger. Man habe versucht, Reischach im Rahmen der Möglichkeiten mit Lehrerstunden-Zuteilung über das eigentliche Maß hinaus entgegen zu kommen, jedoch seien die Möglichkeiten hier nicht unbegrenzt.

Die Versetzung des Klassleiters Dietmar Forisch nach Neuötting: Dies sei keineswegs ein bewusster Schritt, um dessen Klasse nach Neuötting zu holen, sondern habe personalpolitische Gründe: Forisch gehe "unter Beachtung der Umstände" auf eigenen Wunsch, außerdem habe die andere in Frage kommende Lehrkraft die älteren Rechte und habe sich vor der Amtszeit von Anton Gschrei als kommissarische Schulleiterin viele Verdienste erworben. Dies müsse das Schulamt bei seinen Entscheidungen berücksichtigen.

 

Szenarien für die Zukunft: So sieht es der Schulleiter

 

Reischach. Zur Zukunft der Mittelschule Reischach hat Schulleiter Anton Gschrei ein Sachstandspapier ausgefertigt, das in der VG-Sitzung verlesen wurde. Gschrei selbst konnte nicht anwesend sein.

Gschrei skizziert zunächst den aktuellen Stand: Derzeit befinden sich drei Klassen, eine 6., 8. und 9. an der Mittelschule. Eine 7. Klasse kann im kommenden Jahr voraussichtlich nicht mehr gebildet werden, weil es wohl nur mehr acht Schüler wären. Die acht Siebtklässler müssten also 2015/16 nach Neuötting wechseln. Die 9. Klasse schließt im Juli ihre Schulzeit in Reischach ab. Für die 8. Klasse mit aktuell 14 Schülern, die nächstes Jahr die 9. Klasse bilden sollen, sieht Gschrei nach Rücksprache mit dem Schulamt zwei Möglichkeiten: Die Klasse, die bislang unter der Klassenleitung von Dietmar Forisch stand, kann in Reischach bleiben, würde dann aber einen anderen Klassenleiter bekommen. Denn Forisch wurde vom Schulamt nach Neuötting versetzt. Allerdings wünschen sich Schüler und Eltern ausdrücklich weiter Forisch als Klassenleiter auch in der 9. Klasse. Eltern und Schüler sind informiert und beraten sich zur Zeit, welche Option sie wählen werden.

Für eine mögliche 5. Klasse haben sich derzeit etwa neun bis zehn Eltern gemeldet. Alle diese Schüler wären voraussichtlich Buben. Das sind nach Aussage der Verbundkoordinatorin Thekla Möslinger zu wenige Schüler, damit eine Klasse in Reischach genehmigt wird. Die Eltern haben Wolfgang Niesner zum Sprecher "gewählt". Er versucht derzeit noch nach Möglichkeiten zu finden, damit eine 5. Klasse in Reischach gebildet werden kann.

Anton Gschrei bedauert in seinem Papier, dass die bisherigen Bemühungen, die Mittelschule attraktiv zu machen, "nicht gelungen zu sein" scheinen: "Damit gibt es auf Dauer zu wenige Schüler, damit an der Mittelschule Klassen mit 13 bis 15 und mehr Schülern gebildet werden können." Sollte keine 5. und keine 7. Klasse gebildet werden können und sich Eltern sowie Schüler der kommenden 9. Klasse entscheiden, mit Dietmar Forisch nach Neuötting zu wechseln, werde es an der Mittelschule Reischach im kommenden Schuljahr keine Klasse mehr geben.

Der Schulleiter weist darauf hin, dass es nach den Richtlinien der Klassenbildung auch keine Untergrenze für die Bildung von Klassen gebe: "Grundsätzlich könnte somit im Ausnahmefall etwa auch eine 5. Klasse mit zehn Schülern gebildet werden. Dann wären zumindest im kommenden Schuljahr zwei Klassen an der Mittelschule Reischach. Die 9. Klasse könnte somit ihren Schulabschluss in Reischach machen."

Er verweist ferner auf den "Verbundgedanken", wonach es, ein Entgegenkommen der Städte Alt- und Neuötting vorausgesetzt, möglich wäre, dass Schüler dieser Städte die Regelklasse in Reischach besuchen: Dies sei in anderen Verbundgemeinden durchaus üblich. − red

 

(ANA vom 18.6.15)