Ein Abschied für immer? Die Hoffnung stirbt zuletzt

Mittelschule schließt ihre Pforte – Rückblick und Hoffnung – Anekdoten aus 52 Jahren Schulgeschichte

von Konrad Hochhäusl



Rektor Anton Gschrei hatte alles Mögliche versucht, um die Mittelschule in Reischach zu halten. Vergeblich. Im Bild Gschrei (Mitte) mit den Werken der Schüler zum Thema "Meine Wege". − Fotos: Stahlhofer/Hochhäusl

Reischach. "Auf den Spuren unserer Schule" war das bewegende Motto einer Zusammenkunft von Schülern, Eltern, derzeitigen und ehemaligen Lehrkräften, sowie Gemeindevertretern in der Aula der Mittelschule Reischach. Nachdem kürzlich das Aus für die Mittelschule beschlossen wurde (Anzeiger berichtete), wollte die Schulleitung dieses Ende nicht sang- und klanglos geschehen lassen und hat deshalb eine "Abschiedsveranstaltung" einberufen. Dabei erinnerte man über das Geschehen während der 52 Jahre ihres Bestehens. Deutliche Kritik wurde dabei auch an der derzeitigen Schulpolitik laut.

Anekdoten aus 52 Jahren Schulgeschehen lockerten dieses Treffen aus traurigem Anlass auf.

Den rund siebzig Besuchern wurde das Ergebnis eines Kunst-Workshops der 6. Klasse zum Thema "Meine Wege" von der Künstlerin Ingrid Vehring vorgestellt.

Rektor Anton Gschrei, der alle Möglichkeiten zum Erhalt der Mittelschule Reischach in Betracht gezogen hatte, bedauerte die Entwicklung, die letztendlich zum Aus für diese Schulform geführt hatte: "Es fällt schwer, sich von einer Schule, die 52 Jahre bestanden hat, in der mehrere Generationen von Schülern unterrichtet worden sind, die Teil des Lebens sind, zu verabschieden. Aber auch Abschied nehmen ist Teil des Lebens". Die Welt seit im Umbruch. Es sterben Wirtshäuser, Höfe, Geschäfte und auch Schulen" so die Worte des Rektors.

Das Ausbluten der Hauptschulen sei durch eine falsche Schulpolitik in die Wege geleitet worden. Mit der Einführung der sechsklassigen Realschule werden frühzeitig die Kinder von den Hauptschulen abgezogen. Während in den Städten die Schulhäuser aus allen Nähten platzen, stehen auf dem Land viele Schulhäuser leer. Durch den frühzeitigen Übertritt in Gymnasien und Realschulen seien die Schüler einem enormen Leistungsdruck ausgesetzt, kritisierte Anton Gschrei die Schulpolitik: "Obwohl unser Schulsystem auch von unten nach oben durchlässig ist und somit auch Haupt- und Mittelschüler die Möglichkeit zur Weiterbildung bis hin zum Studium haben, wird dies zu wenig praktiziert", so der Rektor.

Er dankte den drei Bürgermeistern, die ihn bei der Lösung nach einem Konzept zum Erhalt der Mittelschule unterstützt hatten, leider sei dies nicht gelungen. Das "Schulsterben" sei jedoch ein bayernweites Problem, selbst in wesentlich größeren Gemeinden konnten die Mittelschulen nicht gehalten werden. Die Politiker nennen diesen Vorgang jedoch nicht Schließung, sondern "die Schulen ruhen".

Rektor Anton Gschrei ist überzeugt, dass die Schüler in kleineren Schulen besser untergebracht wären. Auftretende Probleme könnten hier ohne Schulpsychologen und Sozialberater gelöst werden, die in Schulzentren alle Hände voll zu tun hätten.

Die drei Bürgermeister Herbert Vilsmaier aus Reischach, Franz Watzinger aus Erlbach und Georg Eder aus Perach bedauerten, dass ihre Bemühungen um den Schulerhalt nicht zum gewünschten Erfolg geführt hätten. "Es war bedrückend, wie an diesem Vormittag die Restbestände in der Küche aufgebraucht wurden und der Werkraum ausgeräumt wurde", so Vilsmaier. Im Namen seiner Kollegen dankte er Rektor Gschrei für seine Bemühungen um den Schulerhalt, die letztendlich doch nicht zum Erfolg geführt hatten.

Franz Watzinger erinnerte sich an seine Einschulung in Reischach. Damals wurde erstmals die 9. Klasse eingeführt und der bestehende Werkraum wurde kurzfristig in ein Klassenzimmer umgewandelt. Er bedauerte, dass mit dem Wegfall der Schule ein wichtiges Kulturgut verloren geht. Er wünscht sich ein aktives Umschwenken der Schulpolitik, so dass sich in Zukunft wieder positive Aspekte auftun sollten.

Georg Eder bedauerte ebenfalls, dass der lange Kampf um den Schulerhalt nicht gewonnen werden konnte. Zu wenig finanzielle Mittel wie auch eigene Versäumnisse hätten dies verhindert. Auch bemängelte er, dass "mit vielfältigen Stimmen" geredet wurde. "Jeder einzelne Faden reißt, aber gebündelt hätten sie mehr Kraft. Dies ist uns leider nicht gelungen". Er hoffe, dass bei der entscheidenden Sitzung der Verwaltungsgemeinschaft eine vernünftige Lösung um das Schulwesen für die Zukunft getroffen werde.

Pfarrer Ludwig Samereier berichtete, dass er in den vergangenen elf Jahren an der Schule Reischach schöne Zeiten erlebt habe. Ein guter und zuverlässiger Schülerstamm, kollegiale Lehrkräfte und kurze Wege zwischen Schule und Kirche hatten seine Arbeit erleichtert. Nun sehe er große Probleme bei der Vorbereitung auf die Heilige Firmung und bei der Jugendarbeit. Dies müsse künftig alles außerschulisch erfolgen, um alle Schüler und Jugendlichen zu erreichen. Er hoffe auf eine Wende in der Schulpolitik, da in den Großschulen auch nicht alles optimal laufe.

Als Vertreterin der Agentur für Arbeit erklärte Helga Kammergruber, dass die Berufsberatung bei den Reischacher Schülern immer erfolgreich gewesen sei. Die Schüler hätten stets gute Voraussetzungen für das Berufsleben mitgebracht. Auch sie bedauere die Schließung dieser Schule.


Workshop über die neuen Wege der Schüler

 

Bei einem dreitägigen Workshop hatten sich die Schüler der 6. Klasse mit der Künstlerin Ingrid Vehring aus Tittmoning Gedanken zu ihrem eigenen Lebensweg gemacht und grafisch dargestellt. Grundlage war die derzeitige "Ist-Situation" als Schüler, die Frage, was in einem Jahr sein wird und was in zehn Jahren. Dabei zeigte sich, dass der langfristige Trend zu Familie, Wohlstand und Reichtum geht. Eine weitere Aufgabe war, eine Lösung für die künftige Nutzung des Schulhauses zu finden. Die Palette reichte vom Hallenbad über Einkaufszentrum, Sozialgebäude, Parkhaus bis hin zum Alten- oder Asylbewerberheim. Einige Schüler wollten das Schulhaus sogar abreißen. Ingrid Vehring hat den Besuchern all diese Arbeiten ausführlich erklärt.

 

Erinnerungen der Gäste

 

Viel Engagement von Anton Gschrei


Claudia Poisl, derzeitige Lehrerin: "Ich hatte bisher unter vier Rektoren gearbeitet, aber so viel Engagement wie Herr Gschrei im letzten Jahr gezeigt hat, hatte ich noch nie erlebt. Schade, dass seine Bemühungen nicht erfolgreich waren".

 

Dornröschen soll wieder erwachen

Elfriede Brummer, ehemalige Lehrerin:

"Während meiner Zeit an der Grund- und Hauptschule Reischach hatte ich lässige und schwierige Rektoren erlebt. Ich hoffe, die drei Bürgermeister mit ihren Gremien finden eine vernünftige Lösung, damit das ,schlafende Dornröschen‘ erwacht und vielleicht ein künftiger Neuanfang gemacht werden kann."

 

Negativtrend ab 2003 erkennbar

Kurt Landthaler, ehem. Lehrer: "Ich fand in Reischach ein tolles Schulhaus vor, die lernwilligen Schüler hatten noch Respekt vor den Lehrkräften. Die Eltern waren noch vernünftig und suchten bei Problemen die Schuld nicht gleich bei den Lehrern. Leider war der Negativtrend der Schule bereits seit 2003 unter Rektor Wolfert zu erkennen."

 

Das Maximum: Eine Klasse mit 56 Schülern

Günther und Christine Scholze, ehemalige Lehrer:

"Die maximale Klassenstärke war einmal 56 Schüler. Rektor Georg Lassok gab immer den Rat: "Lasst die Schüler lesen, rechnen und schreiben!" Als im Schuljahr 1969/70 die 9. Klasse eingeführt wurde, hatte man einen Behelfsraum farbenfroh in ein Klassenzimmer umgewandelt. Während der Ferien ließ Rektor Lassok das Zimmer jedoch wieder weiß streichen.

 

Hier spricht der Tote aus der Chemiestunde

Von der gefährlichsten Situation berichtete allerdings Peter Kellndorfer: "Beim Chemieunterricht hantierte ich mit Natrium. Durch Unachtsamkeit füllte ich etwas Wasser in die Flasche, was eine chemische Reaktion hervorrief. Nachdem ich die Gefahr erkannt hatte, schüttete ich im Nebenraum den Inhalt der Flasche in das Waschbecken. Dies führte jedoch zu einer heftigen Explosion, die mich drei Meter zurück schleuderte und das Waschbecken war pulverisiert. Eine Schülerin, die mich fliegen sah, meldete beim Rektor: ,Kommen Sie schnell, der Herr Kellndorfer ist tot!‘, was sich jedoch nicht bewahrheitet hat. Beim nächsten Chemieunterricht hatten sich die Schüler vorsorglich unter ihren Bänken verschanzt."

 

Schüler plündern Präsidenten-Büfett

Manfred Gesierich (ehemaliger Lehrer): "1966 kam ich als frisch verliebter Lehrer an die Reischacher Schule und hatte den Unterrichtsbeginn verschlafen. Die Schüler warfen Steinchen an mein Fenster, um mich zu wecken. Rektor Lassok hatte jedoch Verständnis für meine Situation. Eines Tages war Besuch von Ministerpräsident Goppel in der Schule. Zur Bewirtung wurde ein kaltes Büfett organisiert. Als ein Schüler bettelte, ein Brötchen nehmen zu dürfen, erlaubte ich ihm das. Während ich kurzfristig den Raum verließ, fielen alle Schüler über das Büfett her und vertilgten alles. Für den Ministerpräsidenten blieb fast nichts mehr übrig, was dieser jedoch mit Humor hinnahm."

 

Schülerausflüge mit Spanferkel grillen

Herbert Musiol hatte 25 Jahre in Reischach unterrichtet: Er erinnerte sich an die Schüler-Abschlussfahrten in Jugendherbergen, wo immer ein Spanferkel gegrillt wurde – aber obwohl mancher Schüler mehrere Portionen vertilgte, konnte das Spanferkel nie ganz aufgegessen werden.

 

Lehrersport mit Musiol und Muskelkater

Anton Schatz, ehemaliger Lehrer: "Mittwochs gab es jahrzehntelang immer "Lehrersport" mit Herrn Musiol. Anschließend hatten wir stets unter Muskelkater und blauen Flecken zu leiden. Trotzdem haben wir uns immer wieder auf den Mittwoch gefreut".

 

Teezeremonie geht ohne Teebeutel

Dietmar Forisch, derzeitiger Lehrer:

"Bei einem Ausflug ins benachbarte ZEN-Zentrum nach Eisenbuch zu

m Meditieren konnte ein Schüler die aufwendige Teezeremonie nicht verstehen: ,Wir hängen da einen Teebeutel ins Wasser, das geht schneller‘".

 

Haare wachsen, nicht aber der Verstand

Franz Oberreiter erinnert sich als ehemaliger Schüler an die Worte einer Lehrerin: "Bei Euch wachsen nur die Haare, nicht aber der Verstand."

 

Fisch-"Wilderer" bei Rektor Lassok

Konrad Hinterwinkler (ehemaliger Schüler und Elternbeirats-Vorsitzender) erinnerte daran, dass im Werkunterricht zahlreiche Dinge für Kindergärten geschaffen wurden. Während seiner Schulzeit ließ er sich mehrmals unter fadenscheinigen Gründen vom Unterricht befreien und nutze diese Zeit, um in den Fischgewässern von Rektor Lassok zu "wildern".

 

(ANA vom 30.07.2015)